... Fragmente und Fortsetzungsgeschichten aus der Welt von Paradogma.

Beute (5)

In Trenkers Kopf raste es. Drecksbiker! Wo kamen die jetzt her? Ein flüchtiger Seitenblick zeigte ihm, dass seine Beifahrerin an den Türgriff geklammert in ihrem Sitz zusammengesunken war, nach dem Rückspiegel schielte und wahrscheinlich heulte. Weibergeflenn! Wie er das hasste! Die würde er sich noch packen! Jetzt musste er aber erst die Motorräder abschütteln. Die schmale Nebenstraße verlangte alle seine Konzentration, vor allem jetzt, da er das Gaspedal fest auf das Bodenblech gepresst hielt.

Schneller und schneller brach die heranstürmende mondhelle Straße zwischen nachtschwarzen Wänden aus Wald von vorne über ihn und seine ausgelaugten Reflexe herein, während die Tachonadel unermüdlich nach oben kletterte. Leise triumphierend registrierte er, dass keines der immer noch drohend im Rückspiegel verharrenden Motorräder ihn bislang eingeholt hatte. Fresst Dreck, ihr Schlappschwänze! Der Abstand zu den Motorrädern wuchs. Immer mehr verschwommen die Umrisse ihrer Scheinwerfer in der aufgewirbelten Wasserschleppe des kraftvoll dahinrasenden Sportwagens. (Wurden die Scheinwerfer dabei nicht auch kleiner ohne sich zu entfernen?)

Nur nicht nachlassen!
Schneller!
Nicht nach hinten blicken!

Eine Bewegung neben ihm brachte Trenker beinahe aus dem Konzept. Das Mädchen hatte sich plötzlich in ihrem Sitz aufgerichtet und für einen Moment war ihm so, als würde sie ihn angreifen. Bevor er aber etwas Unüberlegtes und bei der gegebenen Geschwindigkeit Halsbrecherisches tun konnte, registrierte er, dass sie sich nach hinten umwandte und über die Schulter fassungslos aus dem engen Heckfenster starrte.

Bloß keinen Fehler machen! Über das Brüllen des V8-Motors hinweg drang ein heiseres Aufheulen an seine Ohren. Offenbar ließ einer der Verfolger zum Spott noch einmal seinen Motor hochdrehen! (Wie konnte er das in voller Fahrt tun? Klang das überhaupt wie ein Motor? War das vielleicht ein Signalhorn?) Bloß auf der Straße bleiben!

Er bemerkte, dass sich Jessys Mund bewegte, aber er konnte in dem Tumult keine Worte ausmachen. Was hatte sie? Wollte sie, dass die Gangverbrecher hinter ihnen sie retteten? Gehörte sie etwa zu denen? Wie ein Blitz schoss es ihm die Erkenntnis durch den Kopf: Das Mädchen hatte die Biker mitgeschleppt!

Fast hätte die Schlussfolgerung eine heranjagende Bodenwelle aus Trenkers Wahrnehmung verdrängt und nur mit Mühe behielt er die Kontrolle. Keuchend entwich die Luft aus seinen Lungen. Ein Stück gerade Strecke. Er brauchte Wahrheit. Jetzt. Seine rechte Hand holte aus, packte die junge Frau rüde am Kinn und riss ihren Kopf herum, so dass sie ihn anblicken musste.

"Sind das deine Kumpane oder rennst du vor ihnen davon?"
Trenker fauchte und schrie, ein Auge auf der Fahrbahn vor ihm, das andere auf der völlig verstört und irgendwie geistesabwesend wirkenden Jessy. Sie sagte etwas. Es war keine Antwort und es machte keinen Sinn. Erst als es sich träge wie ein Wassertropfen in einem Ölbad in Trenkers Geist gesenkt hatte, begriff er die Bedeutung.

"Die Männer! Sie reiten auf Pferden!"

2 Kommentare:

Stefan hat gesagt…

Oooh und aaaah! Gänsehaut und großes Kino!

...und mir hast Du gesagt, daß es gar nicht so einfach ist, jemanden über die Grenze zu "schubsen" :-)

Bernhard hat gesagt…

*g*
Einfach ist es nicht. Wenn allerdings die richtige Zeit, der richtige Ort, der richtige Kontext und die richtige Symbolik zusammen kommen ... dann steht die Pforte über die Grenze einen Spalt weit offen.